Kennen Sie das? Sie gehen durch ihren Stammladen. Einen Billigdiskounter, und wollen gezielt ihren Lieblingsjogurt aus dem Kühlregal an gewohnter Stelle nehmen, und dann das:

Da wo sonst immer ihr Lieblingsjoghurt stand, finden Sie auf einmal Hinterschinken. Die Firmenleitung hat mal wieder eine Sortimentsverlegung angeordnet. Diese besondere Art der Kundenführung sorgt dafür, dass Stammkunden nicht immer wieder dieselben Wege laufen. Gewohnheiten ablegen, und sicher stellen, dass der Kunde durch eine neue Verteilung der Waren andere Warengruppen kennenlernt und neue Produkte ausprobiert.

Doch warum erzähle ich das eigentlich? Hier sollte es doch um die artgerechte Haltung von Schildkröten gehen…

Verfallen wir nicht auch in der Haltung unserer Tiere immer wieder in ein gewohntes Muster? Was Jahrzehnte lang gut war, kann doch auf einmal nicht schlecht sein, oder doch? Man hat sich einfach nicht darum gekümmert, ob es neue Erkenntnisse zur Tierart gibt, die man halten möchte. Wenn man mit der Haltung einer Tierart anfängt, sollte man sich vorher über die Tierart informieren, und sich auf die Haltung vorbereiten. Das passiert leider nicht immer. Einige Neueinsteiger entscheiden sich sehr spontan für eine Tierhaltung, und die Informationen zum Tier holt man sich dann oft erst hinterher. Aber immerhin aktualisiert man seinen Wissensstand. Andersherum gibt es gut informierte Neueinsteiger und alte Hasen, die irgendwann einfach nur noch ihre Haltung weiterführen und neue Informationen nicht mitbekommen oder sie nicht berücksichtigen. Schließlich war das schon immer so…

Wann hat man denn das letzte Mal ein neues Buch zur Tierart gelesen oder im Internet nach neuen Erkenntnissen geschaut? Die frühere „Generation Golf“ zum Beispiel kaufte in den 1970er und 1980er Jahren ihre Schildkröten für ein paar Deutsche Mark. Damals gab es kaum Bücher zur Schildkrötenhaltung. Das Internet kam auch erst später. Dennoch leben heute noch einige dieser Tiere bei ihren Haltern. Erst letztes Jahr kam mir im Garten einer Kundin meines Arbeitgebers eine Russische Landschildkröte entgegen. Ihr Panzer war am Rand ganz ausgefranst von den vielen Löchern, die man ihr im Laufe der Jahrzehnte immer wieder in den Rückenpanzer gebohrt hatte, um sie im gegebenen Fall an einem Band anbinden zu können. Und das im Jahr 2016? Natürlich gibt es nur eine Hand voll Bücher, die sich mit der Vierzehenschildkröte (Agrionemys horsfieldii) beschäftigen. Eines davon hätte man sich im Laufe der letzten 30 Jahre ja mal kaufen können – oder nicht? Dann hätte man auf alle Fälle erfahren, dass so ein Schildkrötenpanzer aus Knochenplatten besteht, die mit Hornplatten bedeckt sind. Die Frau liebt diese Schildkröte, die sie damals vor 30 oder 40 Jahren mal ihrer Tochter geschenkt hat. Und die immer, wenn die Tochter im Urlaub oder auf Geschäftsreise ist, wieder zur Mutter der Halterin in den Garten gesetzt wird. Den guten Willen möchte man den beiden ja nicht absprechen. Aber wenn man sich nur ein wenig informiert hätte, woraus ein Schildkrötenpanzer besteht, würde man dann nicht freiwillig auf das Bohren von Löchern in den Schildkrötenpanzer verzichten? In diesem Fall vielleicht. Wenn ich nun aber noch erzähle, dass diese Löcher der letzten Jahre durch einen Tierarzt in den Panzer gebohrt wurden…?!?

Dann zweifelt man auch an den Praktiken und dem aktuellen Wissensstand mancher Tierärzte. Die Generation, die sich alle zwei Wochen noch eine Fernsehzeitung kauft, weil sie das Internet und Smartphone meidet, ist aber nicht in der Lage sich eine Fachzeitschrift über Schildkröten zu kaufen. Wahrscheinlich weil man sie nicht im Lottoladen an der Ecke findet. Wir leben im 21. Jahrhundert. Aber wir sind zu arrogant mal zu überlegen, ob das eigene Handeln noch zeitgemäß ist. Seitdem ich Schildkrötenpflege, halte ich aktiv Ausschau nach neuer Literatur zur Art der Schildkröten, die ich halte. Blättern Sie mal in einem alten Quelle-Katalog (die älteren Leser werden noch wissen, was das ist). Würden sie die Röcke oder Hosen von damals heute noch in der Öffentlichkeit tragen? Oder sich anstelle der Triumpf-Schreibmaschine von damals, heute nicht lieber einen Laptop mit Drucker kaufen?

Und deshalb ist es wichtig, sich um neue Erkenntnisse in der Tierhaltung zu holen. Der empfohlene Schuhkarton für die Schildkröte von damals ist nicht mehr richtig. Das weiß man heute. Wenn man das nicht weiß, hört man auch noch Musik aus dem Kassettenrekorder.

Früher war alles besser? Früher wusste man es nicht besser, wäre richtiger…

Und Veränderungen sind oft gar nicht so schlimm. Bis zur nächsten Neuplatzierung meines Lieblingsjoghurts werde ich ihn eben aus dem linken Regal nehmen. Und danach von da, wo das Personal meines Discounters ihn hinstellt. Aber vielleicht probiere ich ja auch mal einen anderen Joghurt. Vielleicht ist der ja viel gesünder und schmeckt noch besser…

Doch wie können wir jetzt dafür Sorge tragen, dass alte Strukturen neue Ideen annehmen, bzw. neue Erkenntnisse überhaupt dort ankommen, wo sie dringend gebraucht werden? Haben Sie eine Idee?

  • Wie wäre es damit, ein Panini Sammelalbum mit Schildkröten auf den Markt zu werfen? Das hat früher immer großen Spaß gemacht. „Tausche Bild 12, die Breitrandschildkröte gegen Bild 124 mit der Zackenerdschildkröte…“ oder so ähnlich.
  • Stellen Sie mal einen Pavillon, an dem man viele Schildkrötenbilder zeigt, in der Stadt auf. Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen anhalten und sagen: „Eine Schildkröte hatte ich früher auch…“ Also sollen wir einfach mal einen Infostand auf dem Wochenmarkt stellen? Oder auf dem Weihnachtsmarkt?
  • Wenn Menschen etwas sehen, was sie neugierig macht, dann sind sie interessiert. Die Macht der Werbung zum Beispiel. Ein Werbeplakat auf dem für den Kauf von aktueller Fachliteratur geworben würde. Und das neben einem Ärztehaus würde eine Menge Menschen ansprechen. Der Werbeslogan: „Na füttern Sie Ihre Schildkröte immer noch mit Tomaten?“ … könnte auch helfen…
  • Zu Weihnachten mal Werbung für Fachliteratur machen. Einen neuen Handyvertrag gibt es dann eben erst wieder im nächsten Jahr…

Ein Infostand auf einem „Tierschutzfestival“ zeigte es im Mai 2017 ganz deutlich. Wenn die Leute einen wahrnehmen, weckt man Neugier. Man muss nur an den richtigen Stellen darauf aufmerksam machen.  Deshalb hoffe ich, dass diesen Text sehr viele Menschen lesen. Kennen Sie jemanden, der ein Tier hält? Fragen sie ihn doch einfach mal, wann er das letzte Mal ein Buch oder eine Zeitung zum Tier, das er hält in den Händen gehalten und gelesen hat. Oder schenken Sie ihm ein Buch zum Tier welches er hält. Wissen verschenken. Aber bitte aktuelles Wissen. Nicht den alten Ratgeber von 1970 bei Ebay für einen Euro. Den kennt der Halter sowieso schon. So werden heute noch viele Schildkröten seit 1970 gehalten. Aber Hauptsache der neue Fernseher hat Full-HD und 3D. Damit kommen die alten Heinz Sielmann Filme viel besser zur Geltung. Und die neuen HD-Tierdokumentationen werden sogar in 7-Kanalton ausgestrahlt. „Wie, da gibt es Filme über Schildkröten? Da habe ich wohl gerade Lindenstraße, Folge 10258 angesehen.“

In diesem Sinne, bitte haltet Euch auf dem Laufenden, wenn Ihr Tiere haltet. Früher war nicht alles besser, man wusste es nur nicht besser.

Ralf Czybulinski – Bottrop

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„Früher war alles besser…“ Wirklich ???